Ein seltsamer Traum

In Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich sehe mich auf einem weiten Platz inmitten einer Horde von Jungen, die beim Spiel in Streit geraten und heftig zu fluchen beginnen. Fluchen aber ist mir in innerster "Seele zuwider. So besinne ich mich nicht lange und stürze mich zornig in das Gewühl, um die Bürschlein mit meinen Fäusten zum Schweigen zu bringen. Plötzlich sehe ich vor mir einen Mann, mit leuchtendem Mantel angetan, das Gesicht von innerem Glanz erhellt. Der legt mir die Hand auf die Schulter und sagt:

- „Nicht mit den Fäusten, mein lieber Giovanni! Du mußt diese Knaben mit Sanftmut und Güte zu deinen Freunden machen. Stell dich unter sie und sage ihnen, wie häßlich die Sünde ist und wie wertvoll die Tugend!"

- „Ich soll sie belehren, ich, ein armer, unwissender Bauern­bub?" frage ich verwirrt. „Wie kann ich das?"

- „Du mußt durch Gehorsam und eifriges Lernen möglich machen, was dir jetzt noch unmöglich erscheint!"

- „Wer sind Sie denn, daß Sie mir solche Dinge befehlen?"

- „Ich bin der Sohn jener Frau, die du nach deiner Mutter Geheiß täglich dreimal grüßt."

- „Sagen Sie mir Ihren Namen!" bitte ich, der im­mer noch nicht verstehe.

- „Den erfrage von meiner Mutter!" lautet die geheimnis­volle Antwort. „Sie soll deine Lehrmeisterin sein."

Im gleichen Augenblick erscheint aus dem Nichts eine strahlende Frau, gekleidet in einen Mantel aus lauter Ster­nen. Sie nimmt mich bei der Hand und sagt:

- „Komm und sieh!"

Nicht mehr die Spielgefährten sehe ich jetzt, sondern eine Menge wilder Tiere, Wölfe, Tiger, Leoparden und Bären.

- „Das wird dein Feld sein", erklärt die hohe Frau. „Hier mußt du arbeiten. Werde demütig, tapfer und stark! Was du an diesen Tieren geschehen siehst, das sollst du an meinen Kindern tun!"

Und o Wunder! Unter der Hand der Himmlischen wan­deln sich die Bestien in Lämmer, die mir zutraulich zu meinen Füßen niederkauern.

- „Ich verstehe das alles nicht!" seufze ich im Schlaf.

- „Du wirst zur rechten Zeit alles verstehen!" erwidert die schöne Frau und legt ihm segnend die Hand auf die Stirn.

Schweißgebadet fahre ich aus meinem Traum em­por. Lange brauche ich, um zu erkennen, daß ich in meiner Kammer auf dem Maisstroh liege. Die Sterne scheinen durch das kleine Fenster. Neben mir schläft Giuseppe, und auf der anderen Seite schnarcht Antonio wie in jeder Nacht.

Verwirrt fahre ich mir über die heiße Stirn. So lebendig war der Traum, daß mir jetzt noch die Fäuste weh tun von der Keilerei, und alle Glieder schmerzen mich von den Schlägen, die ich selbst dabei einstecken mußte.

Am anderen Morgen erzähle ich beim Frühbrot meinen seltsamen Traum.

- „Du wirst wohl Schafhirt werden", vermutet Giuseppe. „Da ist es kein Wunder, daß du von Lämmern träumst."

- „Vielleicht wirst du Räuberhauptmann!" brummt An­tonio.

- „Wer weiß, vielleicht wirst du einmal Priester", sagt ahnungsvoll die Mutter und denkt an das Wort, das der Priester bei der Taufe ihres Jüngsten sprach.

Die alte Großmutter beschließt das Thema:

- „Was sind schon Träume? Man darf darauf nichts geben!"

- „Aber auch der ägyptische Josef hatte Träume", werfe ich ein. „Und sie erfüllten sich."

 

 
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